Strafbarkeit des „faktischen GmbH-Geschäftsführers“

In der Rechtswirklichkeit spielen Fälle, in denen lediglich formal eine Person als Geschäftsführer einer GmbH eingesetzt ist, während die Geschäfte tatsächlich von einem Dritten geführt werden, eine große Rolle. Solche Fälle können sich einerseits dadurch ergeben, dass die die tatsächlichen Geschäfte führende Person wegen einer strafrechtlichen Verurteilung von der Leitung von GmbHs ausgeschlossen ist, zum Beispiel wegen einer Verurteilung bezüglich einer Insolvenzstraftat (§§ 283 – 283 b StGB) oder wegen eines ausdrücklichen entsprechenden Berufsverbots und deswegen ein Strohmann (oder auch häufig eine Strohfrau) als Geschäftsführer der GmbH bestellt wird. Andrerseits kann auch die Bestellung des tatsächlich tätigen Geschäftsführers aus formalen Gründen unwirksam sein, so dass er im Rechtssinne nicht als ordentlicher Geschäftsführer der GmbH anzusehen ist. Oder eine in oder mit der GmbH beschäftigte Person wächst faktisch immer mehr in die Rolle des Geschäftsführers hinein, während sich der formale Geschäftsführer immer mehr aus der Unternehmensleitung zurückzieht. In Extremfällen können auch externe Berater wie Rechtsanwälte und Steuerberater in die Rolle des faktischen Geschäftsführers hinein geraten.

Kommt es in solchen Fällen zu der Verletzung von strafewerten Pflichten des Geschäftsführers, zum Beispiel einer Insolvenzverschleppung oder einer Steuerstraftat, soll nach Willen der Rechtsprechung neben dem formal bestellten Geschäftsführer auch der sogenannte faktische Geschäftsführer strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen sein.

Der BGH hat in zwei grundlegenden Entscheidungen die Kriterien aufgestellt, nach denen zu beurteilen ist, ob eine Person als faktischer Geschäftsführer einzustufen ist (BGHSt 3, 32 ff. ; BGHSt 31, 118 ff.). Grundvoraussetzung ist immer, dass die Gesellschafter mit der Leitung der GmbH durch den faktischen Geschäftsführer einverstanden sind. Weiter muss der faktische Geschäftsführer folgende Tätigkeiten ausüben:

  • Festsetzung der grundlegenden Unternehmenspolitik
  • Organisation des Unternehmens
  • Personalentscheidungen
  • Erstellung von Zeugnissen für Mitarbeiter
  • Verhandlungen mit Geschäftspartnern, insbesondere auch über Zahlungsmodalitäten und Stundungen
  • Auseinandersetzung mit Banken und sonstigen Kreditgebern
  • Verhandlungen und Bestimmungen über die Gehälter der Mitarbeiter
  • Regelungen der steuerlichen Angelegenheiten (insbesondere auch Auswahl Steuerberaters und Besprechungen mit ihm)
  • Regelungen der Buchhaltung und Bilanzierung


Auch, wenn der faktische Geschäftsführer nicht alle diese Tätigkeiten wahrnimmt, sondern einen Teil davon delegiert, zum Beispiel an den formal bestellten Geschäftsführer, ist er strafrechtlich verantwortlich, wenn er gegenüber dem formalen Geschäftsführer eine „überragende Stellung“ einnimmt oder, so eine neuere Entscheidung (BGH JZ 2001, 309 f.) ein „deutliches Übergewicht“ hat.